
(Fotos: Kia)
München, den 27. Juni 2011 (autaro) Als Kia sich anschickte, den europäischen Markt aufzumischen, war allein der Preis das Argument. Neuwagen aus Korea waren billig, in jeder Hinsicht. Allein der Geruch, der den Passagieren in die Nase stieg, erinnerte an Billig-Spielzeug aus China, das sorgsame Eltern wegen der Gesundheitsgefahr ihren Kindern vorenthalten. Wie in den Siebzigern des vergangenen Jahrhundertd, als die Japaner in unseren Breiten Fuß zu fassen begannen, fanden sich aber wegen der geringen Preise doch noch Käufer.
Kia hat seine Hausaufgaben gemacht
Die Situation hat sich während der letzten Jahre allerdings grundlegend geändert. Zwar ist noch immer der Preis das schlagendste Argument für ein Fabrikat aus Korea, es finden sich aber auch weitere Argumente, die pro Import sprechen. So gibt Kia auf seine Modelle neuerdings eine Garantie von sieben Jahren, „innen wie außen“, pauschalieren die Koreaner. Ausgenommen sind zwar auch wie bei der deutschen Konkurrenz Verschleißteile, dennoch ist die Laufzeit, mit Ausnahme der Garantieleistungen von Opel, in Europa nahezu einzigartig. Dazu kommt, dass Kia mit der letzten zu dieser Generation einen wirklichen Design-Sprung hingelegt hat. Vorbei sind die Zeiten, in denen mit Geodreieck und Lineal entworfen wurde, die neuen Kia-Modelle sind bisweilen echte Hingucker geworden. Ein weit aufgerissenes Maul, gefällige Seitenlinien und beim Dreitürer ein regelrecht sportlicher Auftritt, auch heckseitig, machen den Picanto zum echten Würzmittel.
Kein Raumwunder
Die zweite Generation des Picanto ist im Vergleich zu ihrem Vorgänger kaum gewachsen. Um sechs Zentimeter ist der Neue länge als der Alte, dafür wuchs der Radstand um ganze 15 Zentimeter, was in erster Linie den Passagieren in Reihe eins zugute kommt. Nimmt man im Fond Platz, muss man schon die üblichen Einschränkungen der Kleinstwagen-Klasse hinnehmen, Kniefreiheit gibt es wenig und dank der geringen Fahrzeugbreite auch nicht allzu viel Freiheit nach den Seiten hin. Dafür müssen die Passagiere in beiden Reihen auch auf miesen Straßen keine Angst haben, unfreiwillig mit dem Dach in Berührung zu kommen, in Sachen Kopffreiheit überzeugt der Picanto. Das gilt prinzipiell auch für den Kofferrum, wo Kia, sagen wir einmal Gardemaß bietet. In die angegebenen 200 Liter Ladevolumen rechneten die Werbestrategen allerdings auch die Mulde für das Reserverad hinein. Für den alltäglichen Kleinkram oder auch die eine oder andere Getränkekiste reicht der Kofferraum aber aus, zumal er sich durch das Umlegen der Rücksitzlehnen auf bis zu 870 Liter erweitern lässt. Außerdem ist die Ladekante angenehm niedrig und die Heckklappe öffnet weit, das gesamte Frachtabteil ist mithin sehr gut nutzbar.
Der Innenraum gefällt durch Qualität
Der besagte Gestank nach billigem Plastik oder die früher typischen, schlecht entgrateten Kunststoffkanten gehören bei Kia ebenso der Vergangenheit an, wie schlecht sitzende Teile oder Klappergeräusche. Erfreulicherweise gilt das auch für die Klasse der Kleinstwagen, namentlich für den neuen Picanto. Weiterhin umsorgt der kleine Koreaner seine Insassen mit großzügig dimensionierten Sitzen, die angenehm straff gepolstert sind und ausreichend Seitenhalt bieten. Zwar kommt noch immer Hartplastik zum Einsatz, es ist aber von besserer Qualität und die Oberfläche ist aufwendiger genarbt.
Spritziger Motor und angenehmes Fahrwerk
Unter der Haube arbeitet ein Dreizylinder mit rund einem Liter Hubraum, vier Ventilen pro Zylinderkopf und 69 PS Leistung als Einstiegsbenziner. Die drei Kessel nehmen ihre Arbeit deutlich hörbar und mit knurrigem Klangbild auf, beschleunigen den Zwerg aber auch in rund d13 Sekund aus dem Stand auf Landstraßen-Höchstgeschwindigkeit. Jenseits dieser Geschwindigkeitsbeschränkung wird das Ganze dann aber zäh, für lange Etappen auf Autobahn wurde der Picanto eher nicht entwickelt. Etwas mehr Durchzug würde man sich gelegentlich wünschen, es muss oft zum Schaltknüppel gegriffen werden. Dafür rührt es sich im Getriebe aber auch ganz akkurat, die Schaltwege sind nicht zu lang und sauber geführt. Auch das Fahrwerk lässt gegenüber größeren Modellen nicht allzu viel vermissen, es bügelt auch gröbere Unebenheiten zuverlässig glatt und vermittelt guten Fahrbahnkontakt. Allerdings konnten die Abrollgeräusche nicht besonders gut gedämmt werden, ein Leisetreter ist der Picanto nicht. Dafür wetzt er gerade in der Stadt leichtfüßig auch um enge Kehren und findet spielend auch in enge Parklücken. Und, um das Motorenkapitel zu schließen: der Durchschnittsverbrauch von rund fünfeinhalb Litern, der während zahlreicher Testfahrten ermittelt werden konnte, geht in dieser Klasse völlig in Ordnung.
Zweifelhafte Ausstattungspolitik
Kia bietet den Picanto in drei Ausstattungslinien an, nämlich ATTRACT, VISION und SPIRIT. Tagfahrlicht, Bordcomputer (außer 1.0 LPG) und Komfortblinker sind serienmäßig ab der Basislinie Attract mit an Bord. Die nächst teurere Variante Vision glänzt weiterhin mit einer Zentralverriegelung, einem höhenverstellbaren Fahrersitz und mit elektrischen Fensterhebern vorn. Die Top-Variante Spirit schließlich wartet zusätzlich mit Klimaanlage, Audiosystem, elektrisch anklappbaren Außenspiegeln und 15-Zoll-Leichtmetallfelgen auf. Zudem sind optional eine Klimaautomatik, Sitzheizung vorn und ein Dämmerungssensor erhältlich. Ein wenig an den europäischen Standards vorbei zieht Kia mit seiner Ausstattungspolitik hinsichtlich Sicherheit und Insassenschutz. So ist ein ESP, ebenso wie der Knieairbag für den Fahrer oder aktive Kopfstützen in der ersten Reihe erst für die teuerste Version serienmäßig, das ESP ist ab Linie Vision für stolze 450 Euro erhältlich. Und auch nur wenn das ESP mitgeordert wird, verfügt der Picanto über vier Scheibenbremsen.
Motorenpalette ohne Diesel
Neben dem getesteten 1-Liter-Dreizylinder-Benziner kommt der Kia Picanto ab Herbst auch mit einem Ableger, der mit Autogas gefahren werden kann. Bei gleichem Hubraum leistet die Gas-Variante 82 PS und kann wahlweise auch mit Benzin gefahren werden. Wer ein bisschen mehr Bums braucht, greift zur stärkeren Benzin-Version mit 1,2 Litern Hubraum und 85 PS Leistung. Allerdings wird ein Selbstzünder zunächst vergeblich in der Liste gesucht und auch die Start-Stopp-Automatik ist erst optional ab Ausstattungslinie Spirit erhältlich. Dennoch ist der ermittelte Durchschnittsverbrauch von gut fünfeinhalb Litern (Werksangabe: 4,1 Liter pro 100 Kilometer) in diesem Segment okay.
Günstige Unterhaltskosten
Neben den hinnehmbaren Kosten für Benzin schont der Picanto seinen Halter mit fairen Einstufungen bei der Kfz-Versicherung (hier können Sie umfassend vergleichen). Auch bei der Kasko-Versicherung gehört er zu den günstigeren Vertretern, allerdings ist ein hoher Wertverlust zu erwarten. Die Kfz-Steuer fällt dank geringer Schadstoff-werte und des kleinen Hubraums ebenfalls gering aus und schließlich ist der Kia Picanto mit einem Grundpreis von 9.390 Euro eines der wenigen Autos, das man in Europa für unter 10.000 Euro neu kaufen kann. Wer wirklich wenig Geld ausgeben möchte und das Fehlen einer optionalen Klimaanlage oder eines ESPs verschmerzen kann, bekommt hier ausreichend Auto für sein Geld.
Fazit
Wie alle Neuerscheinungen der letzten Jahre aus dem Hause Kia, kann auch der Picanto überzeugen. Die Material- und Verarbeitungsqualität liegt mittlerweile auf europäischem Niveau, die Preise sind nach wie vor knapp kalkuliert und die Garantie mit bis zu sieben Jahren Leistungszeitraum bis zu einer Laufleistung von 150.000 Kilometern kann sich sehen lassen. Prestige lässt ein Kia freilich nach wie vor vermissen, was in dieser Klasse aber ohnehin nicht so sehr zum Tragen kommt. Wenn das so weitergeht, müssen sich zunächst die Japaner und bald auch die Europäer in Sachen Preispolitik etwas einfallen lassen. (autaro)



